EXIT!-Seminar 2017 – Fabian Hennig

Konjunktur des Materialismus, Elend der Kritik – Zu den affirmativen Tendenzen neuer materialistischer Ontologien

Spätestens seit der Jahrtausendwende hat Materialismus Konjunktur. Einsatz des New Materialism sind diskurstheoretische Vereinseitigungen, wie sie Judith Butler bezüglich der Auflösung des biologischen Geschlechts in seine kulturelle Konstruktion vorgehalten werden. Neuer Materialismus ist dagegen um einen Naturbegriff bemüht, der sich der unsympathischen Alternative zwischen Diskurstheorie und Essentialismus verweigert.

Der Vortrag schlägt Schneisen in den Neologismendschungel und zeigt so, dass neuer Materialismus mit der Dualität von Subjekt und Objekt weit weniger dialektisch verfährt. Der ideologische Charakter poststrukturalistischer Subjektkritik kommt durch die materialistische Wende zur vollen Entfaltung. Die neuen Ontologien verdoppeln eine Welt, in der sich die Handlungsfähigkeit von Menschen tendenziell der von Dingen angleicht. Posthumanismus, der eine ominöse materielle Dynamik als utopisch affirmiert, ist das Gegenteil von Kritik – er stellt die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne Herrschaft zur Disposition.

Wenn er auch zu kritischen Debatten um das Verhältnis von Natur und Gesellschaft nicht viel Neues beizutragen weiß, zeigt sich in ihm immerhin ein Wandel in der ideologischen Begründung von Herrschaft an: Geschlechterhierarchie legitimiert sich gegenwärtig nicht mehr ausschließlich über stabile Geschlechtscharaktere, sondern gleichsam über die Aufforderung, die je eigene materielle Zwangslage als Chance zu begreifen, der unabhängig von Sexualität oder biologischem Geschlecht mit frischem Optimismus ins Auge zu blicken sei.