EXIT!-Seminar 2017 – Daniel Späth

Fetischkritik oder Entfremdungstheorie? – Erkenntniskritische Reflexionen zum „doppelten Marx“ und zur ideologischen Konjunktur der späten Postmoderne

Spätestens seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts prägte der Siegeszug poststrukturalistischer Vorstellungen das Selbstverständnis ganzer Generationen im akademischen Betrieb wie auch innerhalb der linken Gesellschaftskritik, sodass die diskurstheoretische Oberflächlichkeit zum common sense der westlichen Mittelschichten avancierte. Doch spätestens mit der Finanzkrise von 2008 dürstet das bürgerliche Zerfallssubjekt nach neuer Tiefe – eine Tiefe, die freilich nicht weniger oberflächlich ist als jene konsumorientierte Inszenierung des frühpostmodernen Krisensubjekts.

Und so kontrastiert die spätpostmoderne Ideologie heute der queeren Verkleidung und Verstellung die Tiefe ihrer „Authentizität“ und dem Habitus einer spielerischen Ironisierung die „wahre Gesinnung“ moralinsaurer Selbststilisierung. Eine neue aggressive Innerlichkeit ist in vollem Gange, deren konkretistische Ausstaffierung allerdings nicht weniger auf die gähnende Leere bürgerlicher Zerfallssubjektivität verweist als die frühpostmoderne Warenästhetik.
Diese durch die fortschreitende Entwertung des Weltkapitals selbst vorangetriebene Modifikation ideologischer Krisenbewältigung treibt nun auch eine neue Renaissance entfremdungstheoretischer Versatzstücke hervor. Denn die neu entdeckte Innerlichkeit kapriziert sich unmittelbar auf ein gesellschaftliches Außen, das der Verwirklichung ihrer „Authentizität“ und moralischen „Gesinnung“ im Wege stehe; wodurch Vergesellschaftung allerdings auf eine abstrakte und äußerliche Gegebenheit reduziert wird.

Dabei ist der erkenntnistheoretische Status der Entfremdungstheorie keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. Schon das Marxsche Werk operiert mit einer Entfremdungskritik, an deren (Un)Tauglichkeit zur Überwindung des Kapitalismus sich eine innermarxistische Debatte anlehnte: Die zwischen dem „orthodoxen Marxismus“ des „Historischen Materialismus“ und dem „humanistischen Marxismus“ der Entfremdungstheorie sich entzündende Debatte versuchte entsprechend, ihre Ablehnung oder aber Weiterentwicklung der entfremdungstheoretischen Denkfigur in einer marx-immanenten Exegese zu begründen. Beide innermarxistischen Flügel unterschieden sich dabei in ihrer Interpretation des Marxschen Werkes grundsätzlich von der wert-abspaltungs-kritischen Auffassung eines „doppelten Marx“ und ihrer Ausarbeitung seiner fetischkritischen Theorieansätze.

Insofern wird der erste Teil des Vortrags diese innermarxistische Kontroverse um die Marxsche Entfremdungstheorie nachzeichnen und dabei die jeweiligen identitätslogischen Verkürzungen aufzuzeigen versuchen. Das Herausarbeiten der Marxschen Fetischkritik als Analyse des „prozessierenden Widerspruchs“ (Marx) ermöglicht eine Reflexion auf das Ineinander von objektivierter Fetischkonstitution und Ideologiebildung, wofür die in der späten Postmoderne an Bedeutung gewinnende Entfremdungstheorie paradigmatisch stehen kann. Vor allem die auch in linken Kreisen prominent gewordenen Entfremdungstheorien von Hartmut Rosa und Rahel Jaeggi sollen in diesem zweiten Teil des Vortrags einer Kritik unterzogen werden.