Daniel Späth/ Gruppe EXIT!: Querfront allerorten

21.06.2018 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal (kein Eintritt!)

Es ist noch keine fünfzehn Jahr her, dass die kategoriale Krisentheorie der Wert-Abspaltungs-Kritik innerhalb der Linken mal als abgehoben, sektenhaft oder schlicht irrational abqualifiziert wurde. Noch die scheinbar unterschiedlichsten Strömungen kamen darin völlig überein, dass die Theorie einer Entwertung der Wertsubstanz eine wilde Spekulation sei, die, abgehoben und der realen empirischen Dynamik entgegen, auf luftigen theoretischen Begrifflichkeiten basiere und keinerlei Entsprechung in der kapitalistischen Entwicklung habe. Quer durch die Bank erfreute sich die Gesellschaftskritik an der scheinbar ungetrübten Akkumulation des Weltkapitals, die sie sich ganz sicher nicht von einer radikalen Krisentheorie verderben lassen wollten. Eine Entsprechung hatte diese grundlegende Aversion gegen die Krisentheorie auch im Postfeminismus der dritten Frauenbewegung, für den ein Zerfall der Wert-Abspaltungs-Form undenkbar erschien, denn auch dieser könne ja kurzerhand dekonstruiert werden.

Doch seit der Finanzkrise von 2007/8 ist die Krise auf einmal in aller Munde, auch im Linksradikalismus. So umfassend die linke Aversion gegen die radikale Krisentheorie vor dem Ausbruch der Finanzkrise auch war, in dem neuen Geraune um die „Krisen“ nach 2008 verlängert sich nicht nur die inhaltliche Abrüstung postmodernisierter Theoriefeindlichkeit, die den fetischistischen Gesamtzusammenhang in phänomenologische Einzelkrisen auflöst; darüber hinaus zieht sich noch durch diese oberflächlichen „Krisen“-Analysen ein bürgerliches Urvertrauen hindurch, das wie jeher, und vielleicht sogar noch blindwütiger als je zuvor, an der ewigen Existenz der globalen Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung festhält.

Insofern konnte die linke Gesellschaftskritik vom fortgeschrittenen Ausdruck der globalen Zerfallsprozesse nur mehr überrumpelt werden: Der Faschisierung auch der westlichen Zentren des Weltkapitals. Der kleinste gemeinsame analytische Nenner, der eine anachronistische „Wiederkehr des Nationalismus“ auszumachen sich anstrengt, schrammt deshalb auch konsequent an der konkret historischen und gesellschaftlichen Kritik des Neofaschismus vorbei, der weder eine Wiederkehr noch einen Nationalismus verkörpert, sondern im Gegenteil aus der aktuellen gesellschaftlichen Tendenz eines Zerfalls nationalstaatlicher Souveränität hervorgetrieben wird.

Die wohlfeile Einrichtung der Gesellschaftskritik im postmodernen Zerfallsprozess des Kapitals, die sich bis zur Finanzkrise von 2008 noch dem relativen Spielraum des westlichen Kapitals innerhalb der fundamentalen Krise verdankte, beginnt sich bitter zu rächen, weil es unter den zunehmend verwilderten Verhältnissen keine seichte Affirmation der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung mehr geben kann. Die anachronistische und theoretische Fehleinschätzung des Neofaschismus von linker Seite ist nur das Pendant einer ideologischen Barbarisierung, die allerdings Zug um Zug davon Auskunft gibt, dass die Linke dieselben theoretischen Prämissen wie der Neofaschismus teilt, auch wenn man/frau sich innerhalb dieser basalen Gemeinsamkeit um Abgrenzung bemüht – eine bestenfalls oberflächliche Abgrenzung indessen, die zunehmend in Querfrontprozesse umschlägt, die binnen weniger Jahre eine erstaunliche Verbreitung erreicht haben.

In diesem Sinne wird der Vortrag „Querfront allerorten“ versuchen, den realen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang der globalen Fundamentalkrise nachzuzeichnen, dessen zugespitzter Entwertungszwang den realgesellschaftlichen Hintergrund für die Neofaschisierung der westlichen Zentren abgibt. Die daran anschließende ideologiekritische Analyse des deutschen Neofaschismus wird durch eine Analyse der linken Gesellschaftskritik ergänzt werden, um sodann die nicht nur ideologischen, sondern mitunter offen praktizierten Querfrontbestrebungen zwischen rechts und links in den Fokus zu nehmen.

Siehe auch den Text QUERFRONT ALLERORTEN! Oder: Die „Neueste Rechte“, die „neueste Linke“ und das Ende gesellschaftskritischer Transzendenz aus EXIT!, Heft 14

Zum Referent_en: Daniel Späth, freier Publizist und Redakteur der Theoriezeitschrift EXIT!

Ankündigung als [.pdf].

Veranstaltungen 2018, Vorankündigung

  • 21.06.2018 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal  (Achtung! Termin wurde vom 8.6. auf den 21.6. verschoben!)
Daniel Späth (Gruppe EXIT!)
Rechtsruck - QUERFRONT ALLERORTEN! Oder: Die „Neueste Rechte“, die „neueste Linke“ und das Ende gesellschaftskritischer Transzendenz

 Siehe auch den Text aus exit!, Heft 14

  • 18.10.2018 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch/ Buchvorstellung im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal
Werner Seppmann
Digitalisierung im Kapitalismus

Siehe auch die Publikation Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen, erschienen im Mangroven-Verlag.

Roswitha Scholz/ Gruppe EXIT!: Man(n) trägt wieder Bart. Gender, Queer und Rechtsruck

08.09.2017 (Fr, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren feierte der Neoliberalismus Triumphe. Auch im Feminismus kam es dabei zu Veränderungen. Die Frauenforschung mutierte zur Genderforschung. Judith Butlers prominentes Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ war dabei eine Art Klammer zwischen Gender- und Queer-Orientierung. Männlichkeit und Weiblichkeit wurden nun als diskursiv hervorgebracht gedacht und sollten in der Travestieshow radikal unglaubwürdig gemacht werden. War bis zu den 1990ern von Patriarchat und Zwangsheterosexualität die Rede, so ging es nun in einer kraftlos neutralisierenden Sprache eben um Gender und „Heteronormativität“. In den Medien war viel von der Verwirrung der Geschlechter die Rede. Dem Neoliberalismus mit seinen Flexi-Anforderungen an die Individuen kam dies zu pass. Manche Linke dachten nun jedoch schon das Ende von Patriarchat und Heterosexualität sei gekommen.

Schon früher, insbesondere aber seit dem Finanzcrash 2007/8 wird nun mehr als deutlich, dass ein oberflächliches Gendern und Queeren von Sprache, den Medien, von Politik, Ökonomie usw. nicht ausreicht das dominierende Hetero-Patriarchat zu unterminieren, wenn die Verhältnisse immer prekärer werden. Es kam zu einem massiven Rechtsruck (AFD, Pegida, Querfrontbewegungen), der u.a. im Versuch der Restaurierung traditioneller Geschlechtsmuster bis hin zur Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transpersonen zeigt. Man(n) trägt sozusagen wieder Bart. Überdeutlich wird nun auch, dass objektive, materielle Strukturen und die psychische Disposition der Subjekte nicht außer Acht gelassen werden können und eine härtere Gangart gegenüber den kapitalistisch-hetero-patriarchalen Zuständen einzuschlagen ist. Dabei ist allerdings zu reflektieren, dass (u. a. querfrontartige) Verwerfungen auch in feministischen und LGBT-Bewegungen sichtbar werden, wie etwa auch die Diskussion um den Band „Beissreflexe“ zeigt. Man/frau sollte sich auf keinen Fall davon täuschen lassen, dass die AFD in aktuellen Wahlumfragen wieder Stimmen verloren hat.

Zur Referent_in: Roswitha Scholz, geboren 1959, Diplom-Sozialpädagogin, freie Publizistin und Redakteurin der Theoriezeitschrift EXIT!, Zeitschriften-Publikationen und Buchveröffentlichungen.

Aufnahme

Einleitung:

Vortrag:

Gespräch:

Literaturhinweise

  • Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2011
  • Das Abstraktionstabu im Feminismus. Wie das Allgemeine des warenproduzierenden Patriarchats vergessen wird. Aus: EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 8, Juli 2011
  • Die Bedeutung Adornos für den Feminismus heute. Rückblick und Ausblick auf eine widersprüchliche Rezeption. Aus: EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 10, Dezember 2012

Verweise

  • Texte von Roswitha Scholz auf der exit!-Seite
  • Eintrag zu Roswitha Scholz auf Wikipedia

G20: Gipfel und Gipfelstürmer*Innen

29.06.2017 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Am 07. und 08. Juli 2017 wird der zwölfte G20 Gipfel in Hamburg stattfinden. Die zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt werden sich beraten: die informelle Notstandsverwaltung des Weltkapitals hat die Möglichkeiten abzuwägen, um die capitale Verwertungsmaschinerie am Laufen zu halten; in dieser sind Menschen bloße Humanressourcen, die zunehmend weniger verwertet werden können. Dennoch wird die strukturelle Krise des Weltkapitals geleugnet und verdrängt. Die Krisenbearbeitung durch die „kapitalistischen Funktionseliten“ nimmt immer drastischere Formen an.

Auch auf geopolitischer Ebene entwickelt sich eine sich verschärfende Krisenkonkurrenz. Trotz aller fortgesetzt behaupteten Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit scheint es fast so, als wüssten die Subjekte nicht mehr, was sie tun sollen; es wird immer offensichtlicher, dass sie Getriebene der Dynamik des „automatischen Subjekts“ permanenter Kapitalverwertung und deren Widersprüche sind. Aber auch das Gros der „Kritik“ an den gesellschaftlichen Verhältnissen und die sich artikulierenden Proteste gegen deren Unhaltbarkeit folgen derselben Logik imaginierter Souveränität: nicht nur die Verwertung des Werts ist in der Krise, sondern auch die Subjektform selbst.

Wir haben uns für eine Veranstaltung zum G20-Gipfel entschieden: das Leiden ist real und indiskutabel, muss aber ohne Verständnis der Fetischkonstitution hilflos und auf sich selbst zurückgeworfen bleiben. Es wird an diesem Abend keine Anleitung für den „richtigen Gipfelwiderstand“ oder Handlungsanweisungen für eine andere Gesellschaft geben können. Diese ist nur ex negativo und im gesellschaftlichen Prozess bestimmbar. Dennoch kann die Kritische Theorie der Wert-Abspaltungs-Kritik eine Referenz für emanzipatorische Bemühungen sein, denn: um sich von etwas „befreien“ zu können, ist es notwendig zu versuchen zu verstehen, wovon und in Hinsicht auf was sich überhaupt „befreit“ werden soll.

Aufnahme

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Materialien

 

Das Bedingungslose Grundeinkommen [BGE]. Kritische Revision einer Idee

 

 

16.03.2017 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Der exit!-Lesekreis HH lädt ein zu einem Vortrag und Gespräch zum Bedingungslosen Grundeinkommen [BGE]. Wir möchten an diesem Abend, einen offenen, diskursiven Rahmen schaffen, der es den Teilnehmer*Innen ermöglichen soll, sich nicht nur eine Vorstellung von der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens zu machen, sondern auch, diese Idee einer eigenständigen, kritischen Revision zu unterziehen.

Es geht uns dabei nicht in erster Linie darum, sozial-politische Spielräume und administrativ-bürokratische Mittel der Umsetzung, das Ob und Wie der Finanzierbarkeit oder die vermeintlichen Auswirkungen auf die jeweilige individuelle Situation oder die gesellschaftlicher Gruppen zu diskutieren, obgleich all dies notwendig zu thematisieren ist – allerdings auf einer Metaebene, die die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit und deren Kategorien kritisch zu reflektieren hat.

Dabei wollen wir auch versuchen, einen Einblick in den fortgesetzten Diskussionsprozess des Lesekreises selbst zu geben, der – sowohl bei der Entscheidung diese Veranstaltung durchzuführen als auch beim konkreten Vorbereitungsprozess – immer wieder kontrovers verlaufen ist und wiederholt von Verunsicherungen und Infragestellungen geprägt war und ist.

Aufnahme

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Materialien

Tomasz Konicz: Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft

10.11.2017 (Do, 20h), Buchvorstellung, Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

„In dieser Situation, in der die antikapitalistische Linke über keinerlei Hebel verfügt, um den Krisen- und Transformationsprozess nennenswert zu beeinflussen, bleibt vorerst nur die Möglichkeit der Aufklärung. Der erste revolutionäre Schritt besteht darin, den Menschen die ungeschminkte Wahrheit möglichst verständlich mitzuteilen: zu sagen, was Sache ist, den Menschen also zu erklären, dass die Krise nicht überwunden werden kann, dass es schlimmer kommen wird, dass sie ihr gewohntes Leben werden aufgeben müssen, dass das Kapital in seiner Agonie die menschliche Zivilisation zu zerstören droht. Kurz: Nichts wird bleiben, wie es ist.“

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Materialien

Verweise

Kapitalistische Krise und Gentrifizierungsprozesse

Im ersten Teil der Veranstaltung ( im Rahmen der Solidarische Raumnahmekampagne Hamburg) wurden in einem Referat die Grundzüge der Krisentheorie und die letztlich vergeblichen Versuche eines Krisenaufschubs skizziert . Im zweiten Teil führten wir mit den TeilnehmerInnen eine Diskussion unter der Fragestellung, welches Licht die Krisentheorie auf die Gentrifizierungsprozesse der letzten 30 Jahre wirft.

http://docplayer.org/19862425-Kapitalistische-krise-und-gentrifizierungsprozesse.html

Lernen durch Erfahrung

Über Voraussetzungen dem Unbekannten zu begegnen. Zusammenhänge von Körper, emotionaler Erfahrung, Gedanke und Denken der Gedanken und der negativen Fähigkeit, Unsicherheit ertragen zu können. Eine Einführung in die Erkenntnistheorie des Psychoanalytikers Wilfred Bion.

Referent ist Thomas Koch vom Exit!-Lesekreis Hamburg