Kein Brexit, nirgends. Zu den Schwierigkeiten einer Positionsbestimmung

Vortrag und Diskussion mit JustIn Monday

So, den 24. März 2019, 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) Uebel & Gefährlich, Turmzimmer, Feldstraße 66, 20359 HH

Im März 2017 beantragte Großbritannien den Austritt aus der EU. Damit begann ein Prozess, dessen gesellschaftliche Tragweite in keinem Verhältnis zum Verhandlungsverlauf zu stehen scheint. Einerseits werfen die absehbaren Folgen eines Brexits grundsätzliche Fragen zum Wesen der EU, zum historischen Stand der Vergesellschaftung durch das Kapital und zur gegenwärtigen Form des Nationalstaats auf. Andererseits waren die Verhandlungen von Monotonie und Ereignislosigkeit geprägt.

Die innerbritischen Auseinandersetzungen um die Verhandlungslinie sind zwar so heftig, dass sie das Parteiensystem von innen her zerlegen. Gleichzeitig sind die Positionen aber so sehr von nationalen Souveränitätsphantasien geprägt, dass keine der Fraktionen Vorschläge macht, die in irgendeiner Weise Verhandlungsmasse bilden könnten. So scheint es nicht nur der Linken unmöglich zu sein, etwas anderes als Meinungen zum Brexit zu entwickeln.

JustIn Monday wird in seinem Vortrag diese Situation darstellen, sie in den Kontext der Krisenpolitik seit 2008 einordnen und eine antinationale Kritik der EU formulieren.

Veranstaltungsflyer

Siehe auch Texte von JustIn Monday unter exit-online.org > AutorInnen

Faschismus im 21. Jahrhundert. Skizzen der drohenden Barbarei

Vortrag und Diskussion mit Tomasz Konicz

Mi, den 27. März 2019, 19 Uhr
FC St. Pauli Museum | 1910 e.V., Heiligengeistfeld 1, 20359 HH

Veranstaltet von St. Pauli antirazzista & exit! Lesekreis HH

Wohin entwickeln sich die Gesellschaften im krisenhaften Spätkapitalismus? Mit jeder neuen Wahl scheint der Durchmarsch der Rechten voranzuschreiten. Die Verrohung des öffentlichen Diskurses und der Gesellschaft, die sich immer offener artikulierende rechte Gewalt, die rasch voranschreitende Aushebelung bürgerlicher Grundrechte – sie lassen Erinnerungen an den Vorfaschismus der 30er Jahre aufkommen.

Tomasz Konicz möchte mit seinem Buch Faschismus im 21. Jahrhundert. Skizzen der drohenden Barbarei Parallelen zwischen dem Aufstieg des Faschismus in der Zwischenkriegszeit und dem gegenwärtigen Durchmarsch der Rechten ziehen, in dem Faschismus als eine Extremform von Krisenideologie begriffen wird, die in Krisenzeiten mittels Gewalt und Terror eine im Zerfall begriffene kapitalistische Gesellschaftsformation aufrecht zu erhalten versucht – und diese in die Barbarei treibt.

Tomasz Konicz arbeitet als Publizist und freier Journalist mit den Schwerpunktthemen Krisenanalyse und Ideologiekritik. Konicz schreibt regelmäßig für das Internetmagazin Telepolis und die Monatszeitschrift Konkret. Zuletzt publizierte der Referent „Faschismus im 21. Jahrhundert. Skizzen der drohenden Barbarei.“, dessen Kernthesen nach dem Vortrag zur Diskussion gestellt werden sollen.

Veranstaltungsflyer (A6, 2-seitig, hohe Auflösung)

Siehe auch den Blog von Tomasz Konicz sowie seine Texte unter exit-online.org > AutorInnen

rotten system! rotten world?

Veranstaltungsreihen, die vom exit! Lesekreis in Hamburg in den Jahren 2012, 2013 und 2014 im Centro Sociale organisiert wurden, siehe auch http://rottensystem.blogsport.eu

Veranstaltungen zum Niedergang des Kapitalismus und seiner ideologischen Verarbeitung

Krise und kein Ende. Waren es vor ein paar Jahren noch die Banken, so sind es mittlerweile die Staatsfinanzen, der Euro, ja sogar die Eurozone und zahlreiche weitere Länder, die ernste Probleme haben.

Die tiefer liegenden Ursachen für die aktuellen Probleme sind aber nicht in einer verfehlten Politik, der vermeintlichen „Gier“, der „Faulheit“ oder sonstigen Zuschreibungen an austauschbare Sündenböcke zu suchen, sondern in der kapitalistischen Gesellschaftsform selbst.

Dies wird damit begründet, dass der Kapitalismus einen „systemimmanenten Widerspruch“ beinhaltet, der laut Marx dazu geeignet sei die bornierte Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise „in die Luft zu sprengen“. Dieser Widerspruch besteht kurz formuliert darin, dass durch die konkurrenzbedingte Produktivkraftentwicklung die Quelle des Werts (menschliche Arbeitskraft) zunehmend „weg rationalisiert“ wird. Folge ist die Reduzierung des wertförmigen Reichtums, was wiederum die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft untergräbt.

Nicht zufällig fallen die inneren Grenzen des Kapitalismus zusammen mit den äußeren Schranken niedergehender Ökosysteme, schwindender Rohstoffe und einer einsetzenden Klimakatastrophe.

Dementsprechend bietet die kapitalistische Produktions- und Lebensweise keine lebenswerte Perspektive mehr.

Trotzdem sieht es momentan nicht nach einer globalen Emanzipationsperspektive aus, die aus dem Kapitalismus heraus führen könnte. Viel eher gedeihen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Nationalismus, Sozialdarwinismus, Biologismus, etc. bestens in dem Klima der verrottenden Gesellschaftsform.

Hinzu kommt, dass die letzten Gegenden des relativen Wohlstands dabei immer brutalere Methoden erfinden, um all jene Menschen auszugrenzen, die vor den Zerstörungen und Zumutungen des Weltmarkts, vor Hunger, Krieg und Elend, flüchten.

Als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, so liefert auch die aktuelle Linke wenig Anlass zur Hoffnung. Viele ihrer Krisenanalysen und Theorien sind nicht dazu geeignet, die aktuellen Entwicklungen und Verhältnisse zu erklären bzw. zu kritisieren. Schlimmer noch werden bisweilen antisemitische bzw. antiemanzipatorische Ressentiments bedient und auch die inhaltliche Nähe zu rechten Positionen ist keine Seltenheit.

Stattdessen wäre eine Kapitalismuskritik auf Höhe der Zeit nötig, die sich gegen die grundlegenden Kategorien und Formen, wie Staat, Nation, geschlechtliche Abspaltung, Arbeit, Wert, Ware, Geld, etc. richtet und vehemente Ideologiekritik betreibt.

Kapitalistische Krise und Gentrifizierungsprozesse

18.09.2014 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Veranstaltung des exit!-Lesekreises in Hamburg im Rahmen der Kampagne Solidarische Raumnahme.

Die vom Projekt EXIT! vertretene Erklärung der aktuellen kapitalistischen Krise sieht diese nicht im Finanzsektor und dessen Crash des Jahres 2008 begründet, sondern macht sie – mit Marx – an tiefer liegenden Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise fest, die seit mehr als 30 Jahren zunehmend ihre Wirkung entfalten: Der Kapitalismus, der auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft beruht, untergräbt seine eigene Grundlage, indem er die Arbeit zunehmend aus dem Produktionsprozess heraus nimmt und durch Maschinen ersetzt. Immer mehr Menschen werden in diesem Sinne „überflüssig“, die Generierung von Mehrwert – der eigentliche Sinn und Zweck kapitalistischer Produktion – damit aber letztlich unmöglich.

Der Neoliberalismus der letzten 30 Jahre wird von uns als Versuch gedeutet, die Krise der „Realwirtschaft“, also die Unmöglichkeit, noch in ausreichendem Maße reale Gewinne zu machen, durch kreditäres deficit spending immer weiter aufzuschieben. Das brachliegende Geld flieht ins „fiktive Kapital“, die Folge sind Blasenbildungen und Crashs. Zugleich verschärft sich die Konkurrenz der wirtschaftlichen Akteure (Unternehmen, Nationalökonomien, Standorte) in Versuchen, die Krisenfolgen von sich fernzuhalten und anderen aufzuhalsen. In diesem Zusammenhang sind auch die Gentrifizierungsprozesse der letzten Jahrzehnte zu sehen, so etwa die Reduzierung des sozialen Wohnungsbaus und das Werben der Politik um die „kreative Klasse“.

Im ersten Teil der Veranstaltung sollen in einem Referat die Grundzüge der hier vertretenen Krisentheorie und die letztlich vergeblichen Versuche eines Krisenaufschubs skizziert werden. Im zweiten Teil wollen wir mit den TeilnehmerInnen eine Diskussion unter der Fragestellung führen, welches Licht die Krisentheorie auf die Gentrifizierungsprozesse der letzten 30 Jahre wirft. Unserer Einschätzung nach greifen viele der durchaus verdienstvollen Beschreibungen und Analysen dieser Prozesse zu kurz, weil sie den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem sie stattfinden, nicht adäquat erfassen. Das hat auch Auswirkungen auf die Praxis von Bewegungen, die sich gegen diese Entwicklungen zu stemmen versuchen.

Vorträge zur Kritischen Theorie und Psychoanalyse

Im Jahre 2014 hat Thomas Koch vom exit! Lesekreis in Hamburg eine dreiteilige Vortragsreihe zur Kritischen Theorie und Psychoanalyse im Centro Sociale gehalten:

Erkenntnistheoretische Implikationen. Eine Einführung | Untersucht wird das Potential psychoanalytischen Denkens für die kritische Wahrnehmung individueller, gesellschaftskritischer und psychischer Realität und die Beziehung von Elementen der Psychoanalyse zur kritischen Theorie, insbesondere zur wert-abspaltungskritischen Krisentheorie und zum wissenschaftlichen Denken | Di, 15. April 2014, 19h

Jenseits von Sprache. Kommunikation des Unbewussten. Über die Bedeutung von Abspaltung und projektiver Identifikation Das Verhältnis von Abspaltung zum Prozess der Verdrängung. Spaltung und Abspaltung in Psychoanalyse, Geschlechterverhältnis und kritischer Theorie – ein kritischer Vergleich | Di, 29. April 2014, 19h

Lernen durch Erfahrung. Über Voraussetzugen dem Unbekannten zu begegnen | Zusammenhänge von Körper, emotionaler Erfahrung, Gedanke und Denken der Gedanken und der „negativen Unfähigkeit“, Unsicherheit ertragen zu können. Eine Einführung in die Erkenntnistheorie des Psychoanalytikers Wilfred Bion | Di, 15. Mai 2014, 19h

Siehe auch Psychoanalyse, Literatur und Verweise

Werner Seppmann: Digitalisierung im Kapitalismus

18.10.2018 (Do, 20h), Buchvorstellung/ Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Begleitend zu unserem aktuellen Schwerpunktthema Digitalisierung haben wir Werner Seppmann zur Vorstellung seines Buches Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen, erschienen im Mangroven-Verlag, eingeladen.

Ankündigung als [.pdf] | Einführung zur Veranstaltung

„Es geht bei der kapitalistischen Verwendungsweise des Computers um mehr als die skandalösen Erfassungs- und Kontrollaktivitäten, denn sie führt zu problematischen Veränderungen in vielen Lebensbereichen: Durch die Verallgemeinerung digitaler Techniken erodieren zivilisatorische Standards, veröden Alltagsbeziehungen und wird ein marktkonformer Lebensrhythmus durchgesetzt. Die Persönlichkeitsstruktur wird durch die „Computer-Praxis“ so umgeformt, dass sie mit der ununterbrochenen Tätigkeit der Märkte und Informationsnetze übereinstimmt. Digital flankierte Anpassungsprozesse sind die aktuellen Mechanismen, mit denen der Kapitalismus sich jene Menschen schafft, die er für sein reibungsloses Funktionieren auf hochtechnologischer Grundlage benötigt.“ [Klappentext]

Materialien
Inhalt/ Kap 1 „Vorsicht Computer!“
Inhalt/ Kap 2 „Digitalisierung sozialer Selektionsprozesse“
Verlagsinfo zum Autoren
– 3teiliges Interview mit Werner Seppmann auf telepolis: 1. Der Mann, der vor Computern warnt, 2. „Negative Langzeitkonsequenzen bis in die neuronalen Strukturen hinein“ und 3. „Die Kalifornische Ideologie hat einen faschistoiden Charakter“

Siehe außerdem: Literatur und Verweise zur Digitalisierung

Veranstaltungsankündigung taz nord [analog] | [digital]

Daniel Späth/ Gruppe EXIT!: Querfront allerorten

21.06.2018 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Es ist noch keine fünfzehn Jahr her, dass die kategoriale Krisentheorie der Wert-Abspaltungs-Kritik innerhalb der Linken mal als abgehoben, sektenhaft oder schlicht irrational abqualifiziert wurde. Noch die scheinbar unterschiedlichsten Strömungen kamen darin völlig überein, dass die Theorie einer Entwertung der Wertsubstanz eine wilde Spekulation sei, die, abgehoben und der realen empirischen Dynamik entgegen, auf luftigen theoretischen Begrifflichkeiten basiere und keinerlei Entsprechung in der kapitalistischen Entwicklung habe. Quer durch die Bank erfreute sich die Gesellschaftskritik an der scheinbar ungetrübten Akkumulation des Weltkapitals, die sie sich ganz sicher nicht von einer radikalen Krisentheorie verderben lassen wollten. Eine Entsprechung hatte diese grundlegende Aversion gegen die Krisentheorie auch im Postfeminismus der dritten Frauenbewegung, für den ein Zerfall der Wert-Abspaltungs-Form undenkbar erschien, denn auch dieser könne ja kurzerhand dekonstruiert werden.

Doch seit der Finanzkrise von 2007/8 ist die Krise auf einmal in aller Munde, auch im Linksradikalismus. So umfassend die linke Aversion gegen die radikale Krisentheorie vor dem Ausbruch der Finanzkrise auch war, in dem neuen Geraune um die „Krisen“ nach 2008 verlängert sich nicht nur die inhaltliche Abrüstung postmodernisierter Theoriefeindlichkeit, die den fetischistischen Gesamtzusammenhang in phänomenologische Einzelkrisen auflöst; darüber hinaus zieht sich noch durch diese oberflächlichen „Krisen“-Analysen ein bürgerliches Urvertrauen hindurch, das wie jeher, und vielleicht sogar noch blindwütiger als je zuvor, an der ewigen Existenz der globalen Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung festhält.

Insofern konnte die linke Gesellschaftskritik vom fortgeschrittenen Ausdruck der globalen Zerfallsprozesse nur mehr überrumpelt werden: Der Faschisierung auch der westlichen Zentren des Weltkapitals. Der kleinste gemeinsame analytische Nenner, der eine anachronistische „Wiederkehr des Nationalismus“ auszumachen sich anstrengt, schrammt deshalb auch konsequent an der konkret historischen und gesellschaftlichen Kritik des Neofaschismus vorbei, der weder eine Wiederkehr noch einen Nationalismus verkörpert, sondern im Gegenteil aus der aktuellen gesellschaftlichen Tendenz eines Zerfalls nationalstaatlicher Souveränität hervorgetrieben wird.

Die wohlfeile Einrichtung der Gesellschaftskritik im postmodernen Zerfallsprozess des Kapitals, die sich bis zur Finanzkrise von 2008 noch dem relativen Spielraum des westlichen Kapitals innerhalb der fundamentalen Krise verdankte, beginnt sich bitter zu rächen, weil es unter den zunehmend verwilderten Verhältnissen keine seichte Affirmation der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung mehr geben kann. Die anachronistische und theoretische Fehleinschätzung des Neofaschismus von linker Seite ist nur das Pendant einer ideologischen Barbarisierung, die allerdings Zug um Zug davon Auskunft gibt, dass die Linke dieselben theoretischen Prämissen wie der Neofaschismus teilt, auch wenn man/frau sich innerhalb dieser basalen Gemeinsamkeit um Abgrenzung bemüht – eine bestenfalls oberflächliche Abgrenzung indessen, die zunehmend in Querfrontprozesse umschlägt, die binnen weniger Jahre eine erstaunliche Verbreitung erreicht haben.

In diesem Sinne wird der Vortrag „Querfront allerorten“ versuchen, den realen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang der globalen Fundamentalkrise nachzuzeichnen, dessen zugespitzter Entwertungszwang den realgesellschaftlichen Hintergrund für die Neofaschisierung der westlichen Zentren abgibt. Die daran anschließende ideologiekritische Analyse des deutschen Neofaschismus wird durch eine Analyse der linken Gesellschaftskritik ergänzt werden, um sodann die nicht nur ideologischen, sondern mitunter offen praktizierten Querfrontbestrebungen zwischen rechts und links in den Fokus zu nehmen.

Siehe auch den Text QUERFRONT ALLERORTEN! Oder: Die „Neueste Rechte“, die „neueste Linke“ und das Ende gesellschaftskritischer Transzendenz aus EXIT!, Heft 14

Zum Referent_en: Daniel Späth, freier Publizist und Redakteur der Theoriezeitschrift EXIT!

 

Ankündigung als [.pdf].

Die Veranstaltung (und unser Interview mit Daniel Späth) könnt ihr unter der Kategorie  Radio FSK anhören.

 

Roswitha Scholz/ Gruppe EXIT!: Man(n) trägt wieder Bart. Gender, Queer und Rechtsruck

08.09.2017 (Fr, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren feierte der Neoliberalismus Triumphe. Auch im Feminismus kam es dabei zu Veränderungen. Die Frauenforschung mutierte zur Genderforschung. Judith Butlers prominentes Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ war dabei eine Art Klammer zwischen Gender- und Queer-Orientierung. Männlichkeit und Weiblichkeit wurden nun als diskursiv hervorgebracht gedacht und sollten in der Travestieshow radikal unglaubwürdig gemacht werden. War bis zu den 1990ern von Patriarchat und Zwangsheterosexualität die Rede, so ging es nun in einer kraftlos neutralisierenden Sprache eben um Gender und „Heteronormativität“. In den Medien war viel von der Verwirrung der Geschlechter die Rede. Dem Neoliberalismus mit seinen Flexi-Anforderungen an die Individuen kam dies zu pass. Manche Linke dachten nun jedoch schon das Ende von Patriarchat und Heterosexualität sei gekommen.

Schon früher, insbesondere aber seit dem Finanzcrash 2007/8 wird nun mehr als deutlich, dass ein oberflächliches Gendern und Queeren von Sprache, den Medien, von Politik, Ökonomie usw. nicht ausreicht das dominierende Hetero-Patriarchat zu unterminieren, wenn die Verhältnisse immer prekärer werden. Es kam zu einem massiven Rechtsruck (AFD, Pegida, Querfrontbewegungen), der u.a. im Versuch der Restaurierung traditioneller Geschlechtsmuster bis hin zur Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transpersonen zeigt. Man(n) trägt sozusagen wieder Bart. Überdeutlich wird nun auch, dass objektive, materielle Strukturen und die psychische Disposition der Subjekte nicht außer Acht gelassen werden können und eine härtere Gangart gegenüber den kapitalistisch-hetero-patriarchalen Zuständen einzuschlagen ist. Dabei ist allerdings zu reflektieren, dass (u. a. querfrontartige) Verwerfungen auch in feministischen und LGBT-Bewegungen sichtbar werden, wie etwa auch die Diskussion um den Band „Beissreflexe“ zeigt. Man/frau sollte sich auf keinen Fall davon täuschen lassen, dass die AFD in aktuellen Wahlumfragen wieder Stimmen verloren hat.

Zur Referent_in: Roswitha Scholz, geboren 1959, Diplom-Sozialpädagogin, freie Publizistin und Redakteurin der Theoriezeitschrift EXIT!, Zeitschriften-Publikationen und Buchveröffentlichungen.

Aufnahme

Einleitung:

Vortrag:

Gespräch:

Literaturhinweise

  • Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2011
  • Das Abstraktionstabu im Feminismus. Wie das Allgemeine des warenproduzierenden Patriarchats vergessen wird. Aus: EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 8, Juli 2011
  • Die Bedeutung Adornos für den Feminismus heute. Rückblick und Ausblick auf eine widersprüchliche Rezeption. Aus: EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 10, Dezember 2012

Verweise

  • Texte von Roswitha Scholz auf der exit!-Seite
  • Eintrag zu Roswitha Scholz auf Wikipedia

G20: Gipfel und Gipfelstürmer*Innen

29.06.2017 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Am 07. und 08. Juli 2017 wird der zwölfte G20 Gipfel in Hamburg stattfinden. Die zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt werden sich beraten: die informelle Notstandsverwaltung des Weltkapitals hat die Möglichkeiten abzuwägen, um die capitale Verwertungsmaschinerie am Laufen zu halten; in dieser sind Menschen bloße Humanressourcen, die zunehmend weniger verwertet werden können. Dennoch wird die strukturelle Krise des Weltkapitals geleugnet und verdrängt. Die Krisenbearbeitung durch die „kapitalistischen Funktionseliten“ nimmt immer drastischere Formen an.

Auch auf geopolitischer Ebene entwickelt sich eine sich verschärfende Krisenkonkurrenz. Trotz aller fortgesetzt behaupteten Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit scheint es fast so, als wüssten die Subjekte nicht mehr, was sie tun sollen; es wird immer offensichtlicher, dass sie Getriebene der Dynamik des „automatischen Subjekts“ permanenter Kapitalverwertung und deren Widersprüche sind. Aber auch das Gros der „Kritik“ an den gesellschaftlichen Verhältnissen und die sich artikulierenden Proteste gegen deren Unhaltbarkeit folgen derselben Logik imaginierter Souveränität: nicht nur die Verwertung des Werts ist in der Krise, sondern auch die Subjektform selbst.

Wir haben uns für eine Veranstaltung zum G20-Gipfel entschieden: das Leiden ist real und indiskutabel, muss aber ohne Verständnis der Fetischkonstitution hilflos und auf sich selbst zurückgeworfen bleiben. Es wird an diesem Abend keine Anleitung für den „richtigen Gipfelwiderstand“ oder Handlungsanweisungen für eine andere Gesellschaft geben können. Diese ist nur ex negativo und im gesellschaftlichen Prozess bestimmbar. Dennoch kann die Kritische Theorie der Wert-Abspaltungs-Kritik eine Referenz für emanzipatorische Bemühungen sein, denn: um sich von etwas „befreien“ zu können, ist es notwendig zu versuchen zu verstehen, wovon und in Hinsicht auf was sich überhaupt „befreit“ werden soll.

Aufnahme

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Materialien

Das Bedingungslose Grundeinkommen [BGE]. Kritische Revision einer Idee

16.03.2017 (Do, 20h), Vortrag und Gespräch im CENTRO SOCIALE, Sternstraße 2, 20357 HH, Saal

Der exit!-Lesekreis HH lädt ein zu einem Vortrag und Gespräch zum Bedingungslosen Grundeinkommen [BGE]. Wir möchten an diesem Abend, einen offenen, diskursiven Rahmen schaffen, der es den Teilnehmer*Innen ermöglichen soll, sich nicht nur eine Vorstellung von der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens zu machen, sondern auch, diese Idee einer eigenständigen, kritischen Revision zu unterziehen.

Es geht uns dabei nicht in erster Linie darum, sozial-politische Spielräume und administrativ-bürokratische Mittel der Umsetzung, das Ob und Wie der Finanzierbarkeit oder die vermeintlichen Auswirkungen auf die jeweilige individuelle Situation oder die gesellschaftlicher Gruppen zu diskutieren, obgleich all dies notwendig zu thematisieren ist – allerdings auf einer Metaebene, die die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit und deren Kategorien kritisch zu reflektieren hat.

Dabei wollen wir auch versuchen, einen Einblick in den fortgesetzten Diskussionsprozess des Lesekreises selbst zu geben, der – sowohl bei der Entscheidung diese Veranstaltung durchzuführen als auch beim konkreten Vorbereitungsprozess – immer wieder kontrovers verlaufen ist und wiederholt von Verunsicherungen und Infragestellungen geprägt war und ist.

Aufnahme

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Materialien